Matthias Matussek
Als wir jung und schön waren Drucken E-Mail

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Ausgzug aus dem Kapitel: Pop und Politik - Von Woodstock nach Rostock

 

Diese Revolution beginnt mit Herzklopfen. Herzklopfen, damit fängt alles an. Die Kultur der Erregung ist nichts als dieses Geräusch, dann erst kommen die Begriffe, die Parolen, die Gesänge. Der fliegende Herzschlag, wenn das Neue passiert, wenn es zu fühlen und zu schmecken ist, überall. Es ist die Liebe zum Leben, die Zuversicht - Grenzenlosigkeit.

In jenen Tagen spürten alle, dass die neue Welt möglich ist, da draußen, dass ein neues Zeitalter begonnen hat. In den Ferien hat man davon mitgekriegt, und hier drinnen im Internat ein paar Spuren. Vier pilzköpfige Externe hatten in der Aula "Woody Bully" von Sam The Sahm & The Pharaohs gegrölt. Ungefähr 20 Sekunden lang, dann hatter der Rektor das Kabel aus dem Verstärker ziehen lassen.

Das neue Zeitalter ist laut.

Klugscheißerbriefe an den Großvater aus dem Internat. "Ich möchte nicht gerade von Glück reden, dass ich die höhere Schule besuchen "darf".

Man beachte die coolen und weltverachtenden Zitatzeichen. Es sind die letzten Tage im Internat. Ich laufe ein letztes Mal über den Schulhof. Ich lasse zwei große Lieben zurück. Die eine heißt Rainer, ein schlanker blonder Junge, ein toller Rechtsaußen. Keiner von uns war schwul, aber wir haben eine heftige Schmuseaffäre gehabt. Die andere Liebe heißt Vivi Bach. Sie klebt unter dem Pultdeckel und lässt sich nicht mehr ablösen. Ein Dekolleté-Foto. Wenn man die Augen halb schloss und sich ihrem Mund näherte, konnte man sich erwachsen fühlen und wahnsinnig aufgeregt.

Wäre ich nicht freiwillig ins Internat gegangen, ich wäre wahrscheinlich rausgeschmissen worden, es hatte sich vieles angesammelt. Ich mag Ordnung, schließlich braucht jeder einen Gegner. Ohne Regeln geht es nicht, aber der liebe Gott hat mir ein mächtiges Programm mitgegeben, das mich ständig in Gespräche darüber verwickelt, ob es nicht sinnvoll sei (lustig, notwendig anregend, vorteilhaft, und einfach aus Prinzip wundervoll), die gegebene Regel zu brechen. Man hatte mich schließlich zum Abteilungsleiter gemacht, nur mich besser einzubinden. Was kann klüger sein, als genau demjenigen die Verantwortung für die Einhaltung von Regeln zu geben, der sie am ehesten bricht.

Allerdings hatte ich jetzt die ganze Bagage der Quarta gegen mich. Und kein 14-jähriger, der nicht bewaffnet ist, kann vierzig Gleichaltrige beim Essen zum Schweigen bringen. Und Schweigen beim Essen war eine der Regeln. An der Stirnseite im Speise-Saal befand sich ein kleines Podest, auf dem ein Lesepult stand. Bei Essen wurde vorgelesen, immer reihum. Auf diese Weise lernte ich "Moby Dick" kennen.

Der Kosmos Internat: Die Messe im Seitenaltar der Krypta begann morgens um sechs, Pater Pereira war beliebt bei uns, er schaffte sie in zehn Minuten. Die Schule anschließend, Mittagessen, dann Silentium im Studiensaal für die Hausaufgaben. Und danach: Fußball, und abends Geschichten-Wettbewerbe, Theater-Wettbewerbe, Blumenbankfertigungs-Wettbewerbe, alles war Wettbewerb, gut gelaunt.

Ein letzter Blick in den Schlafsaal. Das Abteilungszimmer, die Reihen der Pulte mit den schrägen Flächen. Unterm Deckel Vivi Bach. Die Sportplätze, Kirche, Turnhalle. Ich verlasse den Orden, den Stundenplan, die Kaderschmiede, die alten Regeln.

Die Welt da draußen ist die neue.

Es ist zunächst nichts als eine neue Vibration, und deshalb ist "Good Vibrations" mit Sicherheit der größte Beach Boys-Song, womöglich der größte Song aller Zeiten, weil er eine verdammte kleine Symphonie ist auf dieses Lebensgefühl. Biran Wilson brauchte zwei Monate, mit rund 90 Studio-Stunden und 70 Stunden Bandmaterial, um diesen Song so hinzukriegen wie er klingt. Ein Tag am Strand, ein acid-trip: Good Vibrations. Wilso, las ich später, durchlief damals eine merkwürdige Lebensphase. Er blieb tagelang im Bett. Und wenn nicht, saß er in einem Sandkasten. Doch "Good Vibrations" mit seinen Jubel-Chören ... Ah my my what a sensation ... ah my my what elations ... DAS war es für mich.

Nicht die Schüsse auf Benno Ohnesorg. Die habe ich nicht mitgekriegt, auch nicht die Schlacht am Tegeler Weg. Die Revolte für mich bestand zunächst aus zwei Postern. Eines der Stones, eines von Uschi Glas in dem Film "Zur Sache Schätzchen". Bei mir beginnt alle völlig unernst. Ich bin der jüngere Bruder der Revolutionäre, der Jahrgang von Christian Klar. Killer oder Kiffer, das ist die Alternative, ich weiß es nur noch nicht. Oder gibt es etwas Drittes?

 
Matthias Matussek, Jahrgang 1954, studierte Amerikanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin. Nach Stationen beim „Berliner Abend“ und beim „Stern“ kam Matussek zum „Spiegel“ für den er als Korrespondent und Reporter in New York, Berlin, Rio de Janeiro und London war. Von 2005 bis Ende 2007 leitete er in der Hamburger „Spiegel“ Zentrale das Kulturressort. Ab Januar 2008 sendet die ARD seine eigene Dokumentationsreihe „Matusseks Reisen“
 
© 2010 Matthias Matussek