Der Ego-Blogger
Der "Spiegel"-Reporter Matthias Matussek
gilt als Rabauke - aber in seinem Video-Blog beweist
er jede Woche ein erstaunliches Maß an Selbstironie. Jetzt
gibt es die hundertste Ausgabe.
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VON
ALEXANDER MARGUIER
Goethe ist überall, und jeden kann es treffen. Zwei
Bikini-Mädels am Pool eines tunesischen
Ferienclubs sahen sich den Nachstellungen des
Geheimrats ebenso wehrlos ausgesetzt wie Martin
Walser nebst Tischgesellschaft bei einem Abendessen in
der Hamburger Wohnung des Verlegers
Günter Berg. Vor ein paar Wochen war Goethe sogar in
Bombay unterwegs, wo er nichtsahnende
Passanten mit einer Rezitation aus seinen Werken
traktierte. Oder so ähnlich. Der Alte nimmt
seinen Kulturauftrag eben ernst, und er ist nicht zu
bremsen. Was auch daran liegt, dass der
Dichterfürst seit ziemlich genau zwei Jahren einen
neuen Manager hat: Matthias Matussek, 54
Jahre alt, ehemaliger Kulturchef beim
"Spiegel" - und mittlerweile wieder als Autor und Reporter
für das Magazin unterwegs.
Man kann von Matussek halten, was man will, oder, wie
in der Branche üblich, die Augen
verdrehen, wenn nur schon sein Name fällt. Aber zwei
Sachen wird man ihm ganz gewiss nicht
vorwerfen können: langweilig zu sein und halbe Sachen
zu machen. Als Matthias Matussek, der
vorher als Korrespondent in London, Rio und New York
stationiert war, im Herbst 2005 die Leitung
des Kulturressorts beim "Spiegel" übertragen
bekam, war klar, dass er dort keinen Stein auf dem
anderen lassen würde. Die einigermaßen verschnarchte
Rezensions-Werkstatt trimmte er denn
auch binnen kürzester Zeit mit brachialem Eifer auf
Pop-Feuilleton, doch das war ihm schon bald
nicht mehr genug: Ein Internet-Blog musste her, zumal
Print-Journalismus für Selbstdarsteller
von matussekschem Format einen entscheidenden Nachteil
hat: Vom Autor gibt's nur eine
Namenszeile. In "Matusseks Kulturtipp", so
der harmlos klingende Name des Video-Blogs auf
"Spiegel online", dreht sich dagegen alles
um ihn. Und um Goethe, der als Handpuppe regelmäßig
auftreten darf, aber letztlich doch nur eine
Nebenrolle spielt. Was auch sonst.
Wenn Zeitungsredakteure im Internet versuchen,
Fernsehen zu machen, hat das meist die
Dynamik des "Tagesthemen"-Kommentars:
Gebildete Herren mittleren Alters sitzen in ihrer
Redaktionsstube vor einer Bücherwand und salbadern in
gestelztem Deutsch irgendwelche
verquasten Thesen in die Kamera. Das kann, wie bei
Jens Jessen von der "Zeit" ("Ja, der Tag der
Deutschen Einheit. Der Tag der Deutschen Einheit hat
in der Regel etwas Missliches an sich . . .")
zwar derart ungewollt komisch sein, dass es schon
wieder sehenswert ist. Aber in der Regel weiß
man hinterher halt schon, warum diese Leute keine
TV-Karriere gemacht haben.
Ganz anders der "Kulturtipp", da ist richtig
was los. Matussek filmt jeden, der ihm vor seine
Westentaschen-Digicam läuft, und weil der Mann viel
rumkommt, ist Abwechslung garantiert.
Henry Kissinger, wie er beim Springer-Verlag einen
Vortrag hält, Angela Merkel während einer
Regierungserklärung im Reichstag oder auch nur ein
uniformierter Parkplatzwächter in Indien, der
so tun muss, als sei er der Verteidigungminister:
Solcherlei Personal wird anschließend zu
haarsträubenden Filmfeatures verwurstet, wobei auch
Gummi-Goethe immer wieder zum Einsatz
kommt, der die Sechsminüter irgendwie zusammenhält und
für die erforderliche pseudokulturelle
Fallhöhe sorgt. Zum hundertsten Blog (der in Wahrheit
erst Nummer 98 war) gab es im
"Kulturtipp" soeben eine Imitation der
Beckmann-Show mit Matussek als Talkgast, der während
der Sendung vom echten Reinhold Beckmann als
Hochstapler entlarvt wird. In solchen Momenten
muss man dem "Bild"-Kolumnisten Franz Josef
Wagner beipflichten, der Matthias Matussek schon
zum neuen Harald Schmidt kürte: Wie Beckmann sich
selbst als investigativen Fragensteller
parodiert, Matussek den indignierten, leicht
erregbaren Wichtigtuer gibt, und die Goethe-Puppe
hinter einer spanischen Wand Indiskretionen aus der
"Kulturtipp"-Redaktion preisgibt - das ist
wirklich brillant komisch.
Ihm werde jetzt wohl nichts anderes übrigbleiben, als
den hinterfotzigen Goethe zu feuern,
sagt Matthias Matussek und freut sich wie ein Kind
beim Faschingsumzug: "Ich fühle mich von
ihm verraten und hintergangen!" Wir sitzen in
Matusseks riesiger Dachgeschosswohnung mit
traumhaftem Blick über Hamburg-Uhlenhorst und warten
auf Jens Radü. Das ist der junge Kollege
von "Spiegel online", der Matusseks
Filmschnipsel zu sendefähigen Beiträgen
zusammenschneidet, einige Szenen selbst filmt und das
Ganze ins Internet stellt. Gleich darf Radü
neues Material in Empfang nehmen, diesmal geht es um
das Platzen der Blogger-Blase und um
eine gespielte Therapiesitzung der "Anonymen
Blogger" - featuring Jens Jessen von der "Zeit".
Matthias Matussek hat sichtlich Spaß an dem, was er
tut. Zu tun gibt es wie immer viel, gleich
nachher muss er mit dem Zug nach Leipzig: Recherchen
für eine "Spiegel"-Reportage über die
Auswirkungen der Finanzkrise. Persönlich juckt ihn das
Börsenbeben nicht im Geringsten, er
findet's eher lustig: "Kann sein, dass die Welt
schon untergegangen ist, und wir haben es nur
noch nicht gemerkt." Seine eigene Krise scheint
er mal wieder locker weggesteckt zu haben, und
vielleicht war es ja auch das Beste für ihn ("ich
bin kein Gremien-Typ"), als die "Spiegel"-Chefs im
Dezember vergangenen Jahres beschlossen, die Abteilung
Kultur lieber Leuten anzuvertrauen, die
nicht ganz so viel verbrannte Erde hinterlassen.
Matussek hat nämlich einen gewissen Ruf, und
zwar nicht nur als talentierter Schreiber und unermüdliches
Arbeitstier: "Ich bin ein Journalist, der
seit zwanzig Jahren einen guten Namen hat, der über
Mozart schreibt und über Heinrich Heine.
Und dann muss ich immer nur über mich lesen, dass ich
im Fahrstuhl mal laut geworden bin."
Matthias Matussek privat, das ist ein charmanter, vor
Witz sprühender Mittfünfziger, der zehn
Jahre jünger wirkt und sämtliche Umgangsformen
beherrscht. Man darf ihm halt nur nicht blöd
kommen, sonst wird's peinlich. Als er vor gut zwei
Jahren wegen seines Buchs "Wir Deutschen" im
"Presseclub" vom
"Handelsblatt"-Kollegen Roland Tichy des "engstirnigen
Nationalismus'"
bezichtigt wurde, verlor er im Handumdrehen die
Contenance: "Unverschämt", brüllte der
"Spiegel"-Mann da plötzlich los, "das
nehmen Sie zurück!" Nach der Sendung ging es angeblich
auf höchstem Erregungsniveau weiter, sogar von
Tätlichkeiten war die Rede. "Blödsinn", sagt
Matussek, allerdings habe er den Nationalismus-Vorwurf
ja auch nicht unwidersprochen im Raum
stehenlassen können. Und die Episode von der Kollegin
beim "Spiegel", die sich wegen einer
unangenehmen Begegnung mit Matussek im Aufzug
beschwerte? "Alles Quatsch!"
Matthias Matussek wundert sich aufrichtig darüber,
dass sein 14 Jahre alter Sohn sogar schon
von Klassenkameraden auf den angeblich so cholerischen
Vater angesprochen werde; so könne
das jedenfalls nicht weitergehen: Immer diese
Horrorgeschichten über sein Temperament, in
Umlauf gebracht von "kleinen, bösartigen
Menschen, die sich so was ausdenken, um mir ans Bein
zu pissen". Matussek dabei zuzuhören, wie er über
das ewige Missverständnis lamentiert, er sei
ein Rabauke, das ist auch beinahe Kabarett:
"Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich lammfromm
bin."
Einigen wir uns also darauf, dass Matthias Matussek
ein origineller Geist mit großem Ego ist.
Wie groß, das kann jeder in Thomas Brussigs grandiosem
Wenderoman "Wie es leuchtet"
nachlesen: Brussig, der als Portier im Ost-Berliner
Palasthotel den dort residierenden "Spiegel"-
Reporter unmittelbar nach dem Mauerfall kennenlernen
durfte, setzte ihm vor vier Jahren in der
Figur des komplett ichverstrahlten Star-Journalisten
Leo Lattke ein kleines literarisches Denkmal.
Matussek berichtete damals aus der kollabierten DDR,
und zwar mit einem Feuereifer, der ihn
selbst an den Rand des Kollapses brachte:
"Irgendwann war ich so überarbeitet und hatte so
einen Menschenekel bekommen, dass ich mich drei Tage
lang in mein Hotelzimmer einschließen
musste." Allerdings lässt er sich von Krisen
nicht kleinkriegen, im Gegenteil:
Sein zwischenzeitliches Ehe-Drama etwa bereitete er
1997 mit viel Aplomb in einem Buch über "Die
vaterlose Gesellschaft" auf (und lebt längst
wieder mit Frau und Kind glücklich unter einem Dach).
Außerdem haben die Wechselfälle des Lebens seinen
Katholizismus wieder zutage befördert:
"Irgendwann kommt die Zeit, wo du merkst, dass du
vor die Wand fährst. Dann findest du zum
Glauben deiner Kindheit zurück."
Kein Wunder, dass Matthias Matussek der aktuelle
Börsencrash höchstens ein Lächeln wert ist:
"Eigentlich müsste man gerade jetzt zum
Neoliberalen werden. Ich glaube, das werde ich jetzt
tun. Es können ja nicht alle ins Heiner-Geißler-Lager
überwechseln." Das ist genau sein Ding:
Instinktiv erst mal gegen den Strom schwimmen, das
passende Argument wird sich schon
irgendwie finden. Und so richtig bierernst meint er es
ja sowieso nie; Matthias Matussek ist eher
ein großer Junge, der ständig provozieren muss, um
rauszufinden, wie weit er gehen kann. Sein
"Wir Deutschen"-Bestseller, der ihm vor zwei
Jahren vielfach als hurrapatriotisches
Dünnbrettbohrertum um die Ohren gehauen wurde? Schnee
von gestern! "Da fahr' ich doch jetzt
lieber nach Indien und schreib' ein Buch mit dem Titel
,Wir Inder'."
Matthias Matussek wäre als Korrespondent für den
"Spiegel" tatsächlich beinahe nach Indien
gegangen, "nach der Episode als Kulturchef wollte
ich eigentlich gern mal wieder weit weg". Vor
kurzem war er probeweise dort, befand aber, den
Subkontinent könne er seiner Familie nicht
zumuten: "Da zahlst du 4000 Dollar, um in
irgendeinem Loch im smogverseuchten Delhi zu
wohnen." Gebloggt wird also auch künftig von
Hamburg aus, nur der intrigante Goethe dürfte
demnächst aus dem "Kulturtipp" verschwinden.
Sein Nachfolger liegt bereits auf Matusseks
Wohnzimmertisch: eine Friedrich-Schiller-Handpuppe,
derzeit noch in Karton verpackt. "Als Alt-
Hippie liegt mir Schillers freakiges Temperament
ohnehin näher als die Ausgeglichenheit von Goethe”.
F
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