Matthias Matussek
Der Ego-Blogger, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12.10.08 Drucken E-Mail

Der Ego-Blogger

 

Der "Spiegel"-Reporter Matthias Matussek gilt als Rabauke - aber in seinem Video-Blog beweist

er jede Woche ein erstaunliches Maß an Selbstironie. Jetzt gibt es die hundertste Ausgabe.

 

 

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VON ALEXANDER MARGUIER

 

 

Goethe ist überall, und jeden kann es treffen. Zwei Bikini-Mädels am Pool eines tunesischen

Ferienclubs sahen sich den Nachstellungen des Geheimrats ebenso wehrlos ausgesetzt wie Martin

Walser nebst Tischgesellschaft bei einem Abendessen in der Hamburger Wohnung des Verlegers

Günter Berg. Vor ein paar Wochen war Goethe sogar in Bombay unterwegs, wo er nichtsahnende

Passanten mit einer Rezitation aus seinen Werken traktierte. Oder so ähnlich. Der Alte nimmt

seinen Kulturauftrag eben ernst, und er ist nicht zu bremsen. Was auch daran liegt, dass der

Dichterfürst seit ziemlich genau zwei Jahren einen neuen Manager hat: Matthias Matussek, 54

Jahre alt, ehemaliger Kulturchef beim "Spiegel" - und mittlerweile wieder als Autor und Reporter

für das Magazin unterwegs.

 

Man kann von Matussek halten, was man will, oder, wie in der Branche üblich, die Augen

verdrehen, wenn nur schon sein Name fällt. Aber zwei Sachen wird man ihm ganz gewiss nicht

vorwerfen können: langweilig zu sein und halbe Sachen zu machen. Als Matthias Matussek, der

vorher als Korrespondent in London, Rio und New York stationiert war, im Herbst 2005 die Leitung

des Kulturressorts beim "Spiegel" übertragen bekam, war klar, dass er dort keinen Stein auf dem

anderen lassen würde. Die einigermaßen verschnarchte Rezensions-Werkstatt trimmte er denn

auch binnen kürzester Zeit mit brachialem Eifer auf Pop-Feuilleton, doch das war ihm schon bald

nicht mehr genug: Ein Internet-Blog musste her, zumal Print-Journalismus für Selbstdarsteller

von matussekschem Format einen entscheidenden Nachteil hat: Vom Autor gibt's nur eine

Namenszeile. In "Matusseks Kulturtipp", so der harmlos klingende Name des Video-Blogs auf

"Spiegel online", dreht sich dagegen alles um ihn. Und um Goethe, der als Handpuppe regelmäßig

auftreten darf, aber letztlich doch nur eine Nebenrolle spielt. Was auch sonst.

Wenn Zeitungsredakteure im Internet versuchen, Fernsehen zu machen, hat das meist die

Dynamik des "Tagesthemen"-Kommentars: Gebildete Herren mittleren Alters sitzen in ihrer

Redaktionsstube vor einer Bücherwand und salbadern in gestelztem Deutsch irgendwelche

verquasten Thesen in die Kamera. Das kann, wie bei Jens Jessen von der "Zeit" ("Ja, der Tag der

Deutschen Einheit. Der Tag der Deutschen Einheit hat in der Regel etwas Missliches an sich . . .")

zwar derart ungewollt komisch sein, dass es schon wieder sehenswert ist. Aber in der Regel weiß

man hinterher halt schon, warum diese Leute keine TV-Karriere gemacht haben.

 

Ganz anders der "Kulturtipp", da ist richtig was los. Matussek filmt jeden, der ihm vor seine

Westentaschen-Digicam läuft, und weil der Mann viel rumkommt, ist Abwechslung garantiert.

Henry Kissinger, wie er beim Springer-Verlag einen Vortrag hält, Angela Merkel während einer

Regierungserklärung im Reichstag oder auch nur ein uniformierter Parkplatzwächter in Indien, der

so tun muss, als sei er der Verteidigungminister: Solcherlei Personal wird anschließend zu

haarsträubenden Filmfeatures verwurstet, wobei auch Gummi-Goethe immer wieder zum Einsatz

kommt, der die Sechsminüter irgendwie zusammenhält und für die erforderliche pseudokulturelle

Fallhöhe sorgt. Zum hundertsten Blog (der in Wahrheit erst Nummer 98 war) gab es im

"Kulturtipp" soeben eine Imitation der Beckmann-Show mit Matussek als Talkgast, der während

der Sendung vom echten Reinhold Beckmann als Hochstapler entlarvt wird. In solchen Momenten

muss man dem "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner beipflichten, der Matthias Matussek schon

zum neuen Harald Schmidt kürte: Wie Beckmann sich selbst als investigativen Fragensteller

parodiert, Matussek den indignierten, leicht erregbaren Wichtigtuer gibt, und die Goethe-Puppe

hinter einer spanischen Wand Indiskretionen aus der "Kulturtipp"-Redaktion preisgibt - das ist

wirklich brillant komisch.

 

Ihm werde jetzt wohl nichts anderes übrigbleiben, als den hinterfotzigen Goethe zu feuern,

sagt Matthias Matussek und freut sich wie ein Kind beim Faschingsumzug: "Ich fühle mich von

ihm verraten und hintergangen!" Wir sitzen in Matusseks riesiger Dachgeschosswohnung mit

traumhaftem Blick über Hamburg-Uhlenhorst und warten auf Jens Radü. Das ist der junge Kollege

von "Spiegel online", der Matusseks Filmschnipsel zu sendefähigen Beiträgen

zusammenschneidet, einige Szenen selbst filmt und das Ganze ins Internet stellt. Gleich darf Radü

neues Material in Empfang nehmen, diesmal geht es um das Platzen der Blogger-Blase und um

eine gespielte Therapiesitzung der "Anonymen Blogger" - featuring Jens Jessen von der "Zeit".

Matthias Matussek hat sichtlich Spaß an dem, was er tut. Zu tun gibt es wie immer viel, gleich

nachher muss er mit dem Zug nach Leipzig: Recherchen für eine "Spiegel"-Reportage über die

Auswirkungen der Finanzkrise. Persönlich juckt ihn das Börsenbeben nicht im Geringsten, er

findet's eher lustig: "Kann sein, dass die Welt schon untergegangen ist, und wir haben es nur

noch nicht gemerkt." Seine eigene Krise scheint er mal wieder locker weggesteckt zu haben, und

vielleicht war es ja auch das Beste für ihn ("ich bin kein Gremien-Typ"), als die "Spiegel"-Chefs im

Dezember vergangenen Jahres beschlossen, die Abteilung Kultur lieber Leuten anzuvertrauen, die

nicht ganz so viel verbrannte Erde hinterlassen. Matussek hat nämlich einen gewissen Ruf, und

zwar nicht nur als talentierter Schreiber und unermüdliches Arbeitstier: "Ich bin ein Journalist, der

seit zwanzig Jahren einen guten Namen hat, der über Mozart schreibt und über Heinrich Heine.

Und dann muss ich immer nur über mich lesen, dass ich im Fahrstuhl mal laut geworden bin."

 

Matthias Matussek privat, das ist ein charmanter, vor Witz sprühender Mittfünfziger, der zehn

Jahre jünger wirkt und sämtliche Umgangsformen beherrscht. Man darf ihm halt nur nicht blöd

kommen, sonst wird's peinlich. Als er vor gut zwei Jahren wegen seines Buchs "Wir Deutschen" im

"Presseclub" vom "Handelsblatt"-Kollegen Roland Tichy des "engstirnigen Nationalismus'"

bezichtigt wurde, verlor er im Handumdrehen die Contenance: "Unverschämt", brüllte der

"Spiegel"-Mann da plötzlich los, "das nehmen Sie zurück!" Nach der Sendung ging es angeblich

auf höchstem Erregungsniveau weiter, sogar von Tätlichkeiten war die Rede. "Blödsinn", sagt

Matussek, allerdings habe er den Nationalismus-Vorwurf ja auch nicht unwidersprochen im Raum

stehenlassen können. Und die Episode von der Kollegin beim "Spiegel", die sich wegen einer

unangenehmen Begegnung mit Matussek im Aufzug beschwerte? "Alles Quatsch!"

 

Matthias Matussek wundert sich aufrichtig darüber, dass sein 14 Jahre alter Sohn sogar schon

von Klassenkameraden auf den angeblich so cholerischen Vater angesprochen werde; so könne

das jedenfalls nicht weitergehen: Immer diese Horrorgeschichten über sein Temperament, in

Umlauf gebracht von "kleinen, bösartigen Menschen, die sich so was ausdenken, um mir ans Bein

zu pissen". Matussek dabei zuzuhören, wie er über das ewige Missverständnis lamentiert, er sei

ein Rabauke, das ist auch beinahe Kabarett: "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich lammfromm

bin."

 

Einigen wir uns also darauf, dass Matthias Matussek ein origineller Geist mit großem Ego ist.

Wie groß, das kann jeder in Thomas Brussigs grandiosem Wenderoman "Wie es leuchtet"

nachlesen: Brussig, der als Portier im Ost-Berliner Palasthotel den dort residierenden "Spiegel"-

Reporter unmittelbar nach dem Mauerfall kennenlernen durfte, setzte ihm vor vier Jahren in der

Figur des komplett ichverstrahlten Star-Journalisten Leo Lattke ein kleines literarisches Denkmal.

Matussek berichtete damals aus der kollabierten DDR, und zwar mit einem Feuereifer, der ihn

selbst an den Rand des Kollapses brachte: "Irgendwann war ich so überarbeitet und hatte so

einen Menschenekel bekommen, dass ich mich drei Tage lang in mein Hotelzimmer einschließen

musste." Allerdings lässt er sich von Krisen nicht kleinkriegen, im Gegenteil:

Sein zwischenzeitliches Ehe-Drama etwa bereitete er 1997 mit viel Aplomb in einem Buch über "Die

vaterlose Gesellschaft" auf (und lebt längst wieder mit Frau und Kind glücklich unter einem Dach).

Außerdem haben die Wechselfälle des Lebens seinen Katholizismus wieder zutage befördert:

"Irgendwann kommt die Zeit, wo du merkst, dass du vor die Wand fährst. Dann findest du zum

Glauben deiner Kindheit zurück."

 

Kein Wunder, dass Matthias Matussek der aktuelle Börsencrash höchstens ein Lächeln wert ist:

"Eigentlich müsste man gerade jetzt zum Neoliberalen werden. Ich glaube, das werde ich jetzt

tun. Es können ja nicht alle ins Heiner-Geißler-Lager überwechseln." Das ist genau sein Ding:

Instinktiv erst mal gegen den Strom schwimmen, das passende Argument wird sich schon

irgendwie finden. Und so richtig bierernst meint er es ja sowieso nie; Matthias Matussek ist eher

ein großer Junge, der ständig provozieren muss, um rauszufinden, wie weit er gehen kann. Sein

"Wir Deutschen"-Bestseller, der ihm vor zwei Jahren vielfach als hurrapatriotisches

Dünnbrettbohrertum um die Ohren gehauen wurde? Schnee von gestern! "Da fahr' ich doch jetzt

lieber nach Indien und schreib' ein Buch mit dem Titel ,Wir Inder'."

 

Matthias Matussek wäre als Korrespondent für den "Spiegel" tatsächlich beinahe nach Indien

gegangen, "nach der Episode als Kulturchef wollte ich eigentlich gern mal wieder weit weg". Vor

kurzem war er probeweise dort, befand aber, den Subkontinent könne er seiner Familie nicht

zumuten: "Da zahlst du 4000 Dollar, um in irgendeinem Loch im smogverseuchten Delhi zu

wohnen." Gebloggt wird also auch künftig von Hamburg aus, nur der intrigante Goethe dürfte

demnächst aus dem "Kulturtipp" verschwinden. Sein Nachfolger liegt bereits auf Matusseks

Wohnzimmertisch: eine Friedrich-Schiller-Handpuppe, derzeit noch in Karton verpackt. "Als Alt-

Hippie liegt mir Schillers freakiges Temperament ohnehin näher als die Ausgeglichenheit von Goethe”.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Matthias Matussek, Jahrgang 1954, studierte Amerikanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin. Nach Stationen beim „Berliner Abend“ und beim „Stern“ kam Matussek zum „Spiegel“ für den er als Korrespondent und Reporter in New York, Berlin, Rio de Janeiro und London war. Von 2005 bis Ende 2007 leitete er in der Hamburger „Spiegel“ Zentrale das Kulturressort. Ab Januar 2008 sendet die ARD seine eigene Dokumentationsreihe „Matusseks Reisen“
 
© 2010 Matthias Matussek